BLENDE: FRAU (sehr langsam)
ein Stück von Matthias Dix >> mehr

Eine Frau, 42, das Nachrichtengesicht einer großen TV-Anstalt.
Ein Leben zwischen Penthouse-Wohnung und harten Nachrichten-Facts.
Doch an diesem Tag kommt alles anders.
Ein ganzes Leben geirrt?
Was ist die Wahrheit?

55 Minuten Psychothrill aus dem Leben einer Frau.

 

Matthias Dix:

Ich wollte ein Stück über eine Frau schreiben, eine TV-Journalistin, die im Fernsehen eine Nachrichtensendung moderiert. Die Sache ging schief.
Das Stück handelte von Politik, Globalisierung, Mobbing und allem möglichen, nur von der Frau war nicht mehr die Rede. Die Frau hatte sich leise aus dem Text geschlichen.
Doch mein männlicher Ehrgeiz galt nun einmal dieser Frau, sie sollte der Inhalt meines Stückes sein, sie wollte ich erobern.
Ich begann von vorn und warb nun schreibend um diese Frau; alle Äußerlichkeiten, Blumen und witzige Komplimente tat ich beiseite. Dafür nahm ich das Gesicht der Frau in meine Hände und suchte Millimeter für Millimeter, wie auf einer Karte, die Landschaften ihrer Niederlagen und Sehnsüchte. Ich ging weit und wagte mich bis hinter ihre Stirn. Ich verliebte ich mich in diese Frau und da kam der Schmerz hinzu…

Premiere am Freitag, 16. Mai 2003
im Societaetstheater >> web

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Regie: Katharina Holler

Bühne und Grafikdesign: Anja Peukert, Michael Kaden
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Kritik von Norbert Seidel:

Fokus auf Mensch
Heute Uraufführung von Matthias Dix' "Blende: Frau (Sehr langsam)" mit Andrea Thelemann im Societaetstheater
"Ich wollte ein Stück über eine Frau schreiben, eine TV-Journalistin, die im Fernsehen eine Nachrichtensendung moderiert. Die Sache ging schief." Denn was dem Autor bei seinem ersten Bemühen um die Figur durch die Finger glitt, war die Frau; haften blieben allein die Nachrichten, die Globalisierung, die Politik. Ein Theaterkrug mit trübem Wasser wäre vielleicht das Ergebnis gewesen, wenn Matthias Dix nicht von vorne begonnen hätte: Es geht um die Frau. Reiner Wein hingegen das, was uns nun letztendlich im Societaetstheater einschenkt wird, recht benebelnd und trocken - Dix hat es geschafft, mit Konsequenz, mit der jungen Regisseurin Katharina Holler und vor allen Dingen - Andrea Thelemann als Darstellerin. "Blende: Frau (sehr langsam)" ist ein Titel, der vorsichtig einen Leitfaden für die Inszenierung mitliefert, eine Stunde lang verweilt der Fokus auf den Sehnsüchten, Leidenschaften und Niederlagen einer Frau, die durch die knallharte Nachrichten-Berichterstattung und ihr damit verbundenes Fassaden-Leben ohnehin schon mit einem nicht geringen Realitätsverlust zu kämpfen hat und nun auf einmal einen Moment zwischen den Welten bekommt, um sich selbst zu finden. Denn dieser Tag, der so normal mit dem Weg zur Arbeit beginnt, ist anders und wird so nicht wiederkommen. In enger Zusammenarbeit haben Autor, Regisseurin und Darstellerin eben diesem Moment zu einer unglaublichen Intensität verholfen; was so ganz alltäglich, hektisch-real zu beginnen scheint, wächst sich in Andrea Thelemanns monologischer Darstellung zum eigentlichen Realitätsgewinn mittels Entschleunigung aus. Die karge Seelen-Wüste im Hintergrund füllt sich sukzessive mit Leben im Augenblick des Sterbens. Zu spät könnte man meinen, doch die Frau ist schon im Schweben, ohne es zu realisieren. Immer wieder tappt sie in die Falle der Berichterstattung, im Stau stehend, die Umgebung einschätzend, Leute beobachtend, als erste am Unfallort... Ein unbewusster Seelenstrip der Figur wird für den Zuschauer ansatzweise zum Psychotrip. Im Gespräch mit unserer Zeitung erzählen die drei Haupt-Beteiligten, die sich schon lange gut kennen, von einer auf der kleinen Bühne im Societaetstheater entstandenen, nahezu intimen Arbeitssituation, durch die ein kreatives Spannungsfeld aufgebaut wurde, welches wiederum die Idee eines Bildes zur aufwühlend erzählten Geschichte werden ließ, von produktiven Differenzen, freilich ebenso zwischen dem männlichen Autor und der die Rolle natürlich auch vereinnahmenden Andrea Thelemann, die allerdings angesichts ihrer nachdrückliche Bemerkung "Ich selbst bin nicht dieser Typ von Frau" mal wieder sehr überzeugend die Stück-Figur für sich entdeckt. Schon wie dieser feste klare Tonfall der selbstsicheren Journalistin Raum greift, bis sich im nächsten Moment wieder seelische Risse auftun - "Schalten sie jetzt bitte nicht aus!" fleht sie, die dunkle Mattscheibe könnte zum Spiegel werden, etwas offenbaren, dass man doch besser nicht sehen will. Den Menschen im Hintergrund, geholt auf den Vordergrund der nackten Bühne. Katharina Holler, die derzeit eigentlich an den freien Kammerspielen Magdeburg tätig ist, setzt große Erwartungen in diese Uraufführung in einer Stadt, in der es für die freie Szene, besonders im Hinblick auf Probe- und Experimentierräume derzeit nicht rosig aussieht. Heute Abend im Societaetstheater. Eine dreiviertel Stunde nach der Tagesschau.
Norbert Seidel

Dresdner Neueste Nachrichten, 16. Mai 2003

 

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  erstellt 2003